Interview Klangkrieg, Dmitry 1999
By Unknown (1999)
1. Zuerst nach Klangkriegs Geschichte. Wie haben Deine musikalischen Ansichten sich entwickelt? Wie entstand eure Band und woher kommt der Name? Wogegen führt ihr den Krieg?
Die Entstehung von Klangkrieg bedeutete für uns eine radikale Entscheidung zu einem Schritt in eine neue Welt. Tim Buhre und ich hatten bereits 1986 angefangen, Musik zu machen. Anfangs orientierten wir uns noch an klassischen Popstrukturen, die Harmonieen waren zwar düster und schräg, aber entsprachen in ihrer Anordnung und der rhythmischen Untermalung noch den gängigen Schemata. Wir arbeiteten damals auch mit verschiedenen Sängerinnen und einem Gitarristen zusammen.
Irgendwann brachte Tim einen eigenartigen Text von Samuel Beckett mit ins Studio und schlug vor, daß wir den zusammen bearbeiten sollten. Der Text hieß „Bing“ und übte sofort eine starke Faszination auf mich aus. Er bestand aus rhythmisch angeordneten, freien Assoziationen, die kaleidoskopartig wechselnde Zustände beschwörten: „Alles gewußt...alles weiß...nackter weißer Leib...ein Meter Beine aneinander wie genäht...Licht Wärme...weißer Boden...“.
Tim hatte sich schon immer zu eigenartigen Texten und Zuständen hingezogen gefühlt, er ist der instabile Part in unserer Zusammenarbeit.
Wir beschlossen, den Text zu strukturieren und bestimmten Wortgruppen immer wiederkehrende Geräusche zuzuordnen. Unsere Stimmen bearbeiteten wir mit Effekten, im Hintergrund errichteten wir eine sich langsam verändernde atonale Klangwand. So entstand unser erstes experimentelles Stück, ohne Harmonieen, ohne durchgehende Rhythmik. Das Stück war so lang wie der gesprochene Text - ca. 15 Minuten - und zwang damit den Zuhörer, nicht nur nebenbei, sondern mit voller Konzentration und Hingabe zuzuhören. Man war gezwungen, IN DEN ZUSTAND der Musik EINZUDRINGEN.
Ich glaube, in diesem Moment wurde, wenn auch noch nicht offiziell, unser Projekt KLANGKRIEG geboren. Kurze Zeit später trennten wir uns von unserer damaligen Sängerin und unserem Gitarristen und beschlossen, fortan rein abstrakt vorzugehen, d.h. losgelöst von Melodie, Harmonie und Rhythmus. Waren Geräusche bis zu diesem Zeitpunkt nur eine Begleiterscheinung unserer Musik gewesen, so rückten sie jetzt in den Mittelpunkt des Geschehens. 1987 benannten wir uns zunächst in KLANGKRIEG MANUFAKTUR, später dann in KLANGKRIEG um. Damit zogen wir eine Parallele zu den radikalen Theorieen der Futuristen, die den Lärm der Großstadt als neue Hymne des industriellen Zeitalters zelebrierten.
Der Name KLANGKRIEG geht einen Schritt weiter und bezeichnet den utopischen Zustand eines maximalen Lärmpegels, einen Krieg der Klänge, einen Krieg der Sinneseindrücke und Informationen. In jeder Großstadt ist eine solche Tendenz zunehmenden Lärm- und Informationspegels auszumachen. Uns interessiert aber nicht die Reproduktion dieses Lärms, sondern eine affirmative Annäherung an das Rauschen der Welt, mit der Absicht, Lärm als Musik zu interpretieren, ihn zu filtern, zu zerlegen, das Ohr für die Geräusche des Alltags und die ihnen innewohnende Musik sensibel zu machen. Es geht uns um eine radikale Poesie des Hörens.
2. Betrachtet man eure künstlerische Schaffen, bemerkt man, daß eure Musik sich viel zu mehr experimentellen Bereich verändert ist. Nach welchen Zielen strebt ihr mit Musik? Ist sie sich vor dem Formalismus bewahrt?
Als Künstler im Totenfrack sind wir niemals vor Formalismen sicher. Aber alles, was wir tun, ist Teil einer steten Entwicklung und kommt aus einer inneren Notwendigkeit. Eine allgemeine Tendenz unserer Arbeit ist offenbar zunehmende Konzentration. Damit geht manchmal ein Verlust charmanter Naivität und Ungereimtheit einher. Unsere ersten Veröffentlichungen waren durcheinandergewürfelter, ähnelten mehr Film-Soundtracks. Zwar ist das erzählerische, durchkomponierte Element nicht verlorengegangen, aber wir haben gerade auf unserer letzten CD „Das Fieber der menschlichen Stimme“ Grenzen erforscht, die vielen Hörern schon zu abstrakt, zu „kühl“ erschienen. So etwas passiert schnell, wenn man eine bestimmte Entwicklung durchgemacht hat, und sich dann als Musiker aus reiner Neugierde immer mehr von Erwartungsmustern entfernt. Wir langweilen uns einfach bei Wiederholungen. So wie AUBE oder MERZBOW arbeiten wir nicht. Bei diesen Künstlern liegt eine starke Bindung an ein übergeordnetes Klang-Konzept vor, das nicht geändert, allenthalben variiert wird. Das wäre uns zu eintönig und formalistisch. Tim und ich konzentrieren uns bei jeder neuen CD auf ein neues Konzept, daß wir tendenziell, aber nicht dogmatisch, einhalten.
Obwohl die Möglichkeiten der Klangerzeugung und -bearbeitung immer mannigfaltiger und verwirrender werden, beschränken wir uns beim Komponieren zunehmend auf Wesentliches, um klare Aussagen machen zu können. Technik verstehen wir nur als Werkzeug zur Umsetzung unserer Ideen. Wir beherrschen sie, aber befassen uns nicht viel mit ihr. Insgesamt könnte Tim eher als Ingenieur, ich eher als Komponist bezeichnet werden. Er baut Geräte, entwickelt Klänge, ich kümmere mich um die Struktur und Dramaturgie der Musik.
3. Du hast oft konzertiert. Ist die Studien-Arbeit nicht so interessant wie Konzert-Auftritte? Wie sind Deine Gefühle an Performance-Art insgemein?
Das Leben ist interessanter als das Studium. Im Studium wollte ich nur Dinge lernen, die mir von Natur aus nicht so leicht fallen. Dort habe ich mich im Zeichnen und im Video- und Animations-Film geübt. Diese Erfahrungen gehen aber mit der Musik Hand in Hand. Ich sehe mich nicht als reinen Musiker, auch wenn mein Herz im Inneren des Ohres schlägt. Ich interessiere mich für Krach, Sci-Fi Pop, Film, Hörspiel und Exstase. Kurz gesagt: für elektronischen Anarchismus.
Bei Konzerten kann ich direkt mit anderen Menschen kommunizieren. Das ist ein kollektives Erlebnis, bei dem ich meine Person als Risikopotential einsetze. Wenn ich überzeugend bin, bekomme ich Beifall, wenn ich schlecht bin oder auf der Bühne überflüssig wirke, werde ich ausgebuht. Darum treten viele Elektronik-Nerds konsequenterweise auch nicht auf.
Im Zeitalter der Massenproduktion ist es in Ordnung, wenn Musik nur als Geist besteht, als künstliches Konstrukt, als Studioentwurf. Ich selbst ziehe es allerdings vor, real in Erscheinung zu treten, denn gerade dadurch, daß immer mehr materielle (z.B. Autos) und immaterielle (z.B. Anonymität im Internet) Schutzpanzer die Welt „ent-körpern“, wird für mich direkte menschliche Präsenz und Ausstrahlung immer wichtiger.
4.Ist das Konzept wichtig für eure Musik? Improvisiert ihr manchmal? Was für Konzepte haben eure Studienalben (jeder von ihnen)?
Das Konzept ist zunehmend wichtiger geworden. Das wichtigste Kriterium bleibt aber nach wie vor das Hören. Klingt ein Stück nicht interessant genug, wird es rausgeschmissen, egal wie gut es ins Konzept paßt. In der Regel steht am Anfang eines Kompositionsprozesses das Improvisieren und Herumspielen mit Aufnahmen, Samples, Klängen. Wir erzeugen mittlerweile alle unsere Klänge selbst. Früher haben wir auch Fremdmaterial verwendet, aber davon sind wir mit der Zeit abgekommen, weil es viel schöner ist, ein persönliches Erlebnis mit einer Aufnahme zu verbinden. Klänge sollten ein Teil der persönlichen Aura sein.
Die Konzepte unserer bisherigen Veröffentlichungen (Auszug):
- 1993 Klangkrieg - CD / Fünfundvierzig (D) / 4565
Unser Debutalbum, das Beste aus den ersten 5 Jahren von Klangkrieg
- 1996 "38 cbm" - CD / ND (USA) / NDCD 09
Die CD besteht aus zwei Teilen:
Das 17minütige „Hörstück für einen Container“ ist eine Zwei-Kanalfassung unserer gleichnamigen Klanginstallation.
Die restlichen Stücke sind Cut-up Stücke aus KORG MS 20 Klängen, sowie Aufnahmen aus dem Inneren eines Klavierkorpus
- 1997 "Analog/Digital Errors" - Single / Povertech Industries (USA) /Artifact #7
Das Konzept dieser Single ergibt sich aus dem Titel. Es geht um Fehler. Seite A besteht nur aus analogen Vinylkratzern, Seite B aus brutalen Feedbacks eines digitalen Effektgeräts.
- 1998/99 "Das Fieber der menschlichen Stimme" - CD / Audioview (B) / AUDIO 004
Bei dieser CD haben wir die menschliche Stimme zum Thema gemacht. Ich würde unsere Arbeit am ehesten mit der eines Chirurgen bezeichnen. Wir haben die Stimmbänder seziert wie Tonbänder, bis nur noch winzige, mechanisch-abstrakt klingende Schnipsel davon übrig blieben. Die haben wir neugeordnet. Es gibt auch befremdlich klingende Fragmente längerer gesprochener Passagen, die aber erst ihre volle Wirkung entfalten, wenn man deutsch versteht.
- 2000 in Kürze: "Radionik" - CD / Cling-Film Records (B) / CF 08
Auf dieser CD, die ca. Mitte April 2000 erscheinen wird, haben wir Klänge aus Leitungen bearbeitet: zu hören sind fließende Materien wie Gas, Heizungswasser, Bremsflüssigkeit, aber auch Aggregate, Hochspannungleitungen, Fahrstühle... Alles, was sich fließend fortbewegt. Da viele der Stücke eine giftige Ausstrahlung besitzen, heißt die CD „Radionik“.
5. Wie groß ist der Kreis der Menschen, mit wem ihr zusammenarbeiten? Ich weiß, daß Hamburg eigenartiges Zentrum des Musiklebens im Norden Deutschlands ist. Gibt es Menschen, die wichtig für Deine Arbeit sind bzw. Dich inspiriren?
Hamburg ist auf der einen Seite das deutsche Zentrum für intellektuellen, linken Gitarrenpop mit deutschen Texten (Tocotronic, die Sterne, die Goldenen Zitronen, Les Robbespierres, Knarf Rellöm ISM, Blumfeld...), auf der anderen Seite aber auch eine Metropole der experimentellen Musik (Werkbund, Asmus Tietchens, Reznicek, Y-Ton-G, Wachsender Prozess/TBC, das Kombinat, Jetzmann, Klangkrieg...). Seit einiger Zeit hat sich noch eine dritte Szene für schrägen Elektronikpop entwickelt, an deren Entstehung ich mit meinem 1998 gegründeten Label Gagarin Records beteiligt bin (Grönlandorchester, Gunter Adler, Felix Kubin, Electric Helgoland, Tubin, Mikron 64, Kiss Kiss Bang Bang...) Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der Stora Verlag. Dem Verlag ist ein Label namens Stora Secret Sounds angeschlossen, auf dem hauptsächlich Hamburger Künstler im Mini-CD Format veröffentlicht werden. Der bisher einzige internationale Musiker auf diesem Label heißt Oleg Kostrow und kommt aus St.Petersburg.
Mittlerweile überschneiden sich die verschiedenen Musikszenen etwas miteinander. Vor noch gar nicht langer Zeit waren sie streng voneinander getrennt.
Ich selbst habe hauptsächlich mit den Leuten der experimentellen Pop- und Geräuschszene zu tun. Eine wichtige, zentrale Figur in diesem Bereich ist mein Freund Uli Rehberg, der bereits 1979 seinen legendären Plattenladen „Unterm Durchschnitt“ gegründet hatte. Uli hat mich sehr inspiriert, er ist weltweit einer der letzten noch lebenden Bohemiens. Anfang der Achtziger brachte er auf seinem Label Walter Ulbricht Schallfolien die ersten Platten von S.P.K. (Autodafé), Throbbing Gristle (Journey through a body) und Laibach (Rekapitulacija) heraus. In seinem Laden gingen und gehen noch heute die skurrilsten Kunden ein und aus, bis hin zu Stars wie Thurston Moore und Helmut Kohl.
Uli’s Art zu leben und sein Zugriff auf die seltsamsten Blüten der Kultur, sei es Film, Literatur oder Musik, hat mich von Anfang an fasziniert. Sein Laden ist ein groteskes Museum aus faschistischen Landkarten, kommunistischen Fahnen und Wimpeln, Stalin-Abbildern, Donald Duck Zitaten, ausgestopften Monstern, aufgespießten Insekten, einem Narkose-Beatmungsgerät, antiken Möbeln, Stahlteilen und verwirrenden Broschüren wie „Der Unfug des Sterbens“. Dieser Mann ist ein radikaler Kritiker und Scharlatan, wie man ihn selten in Deutschland antrifft.
Hamburgs Kultur spielt sich an zentralen Orten ab, daher kennen sich die meisten. Jeden Mittwoch trifft sich die Geräuschszene in der legendären „Hörbar“, wo ausschließlich schräges Zeug läuft und einmal im Monat atonale Konzerte stattfinden. Ich habe hier mit vielen verschiedenen Leuten schon musikalisch zusammengearbeitet und auf meinem Label Hamburger und Berliner Noise-Musiker veröffentlicht. Mein engster Kreis besteht aus Tim Buhre, Reznicek, Jacques Palminger, Pia Burnette und Mariola Brillowska. Mariola ist Malerin, Poetin und Produzentin anarchistischer Zeichentrickfilme, für die ich auch Musik geschrieben habe (veröffentlicht bei A-Musik als Felix Kubin/“Film-musik“). Nebenbei liebe ich sie. Ihre Art zu schreiben und zu philosophieren hat mich ebenfalls sehr inspiriert.
6. Als Fortsetzung voriger Frage: ich habe bemerkt, daß die deutsche Musikkräfte im politischen Sinne sehr streng geordnet sind: der Norden ist link (A.Titchens, Walter Ulbricht usw), der Süden ist recht (Genocide Organ, Galakthorrü, Ant-Zen). Ist Klangkrieg nicht ausschließlich? Was denkst Du an Politisierung der Musik und ideologische Kunst?
Diese Beobachtung ist richtig. Ich würde den Norden, speziell Hamburg, jedoch eher als dada-anarchistisch bezeichnen. Eigentlich interessieren wir uns wenig für parlamentarische Politik. Mehrere von uns kommen zwar aus der linken (Punk-)Szene - einige hatten sogar mit der RAF zu tun - aber mittlerweile scheißen wir auf das alberne Polit-Theater! Wir versuchen zu stören und zu verwirren, wo wir können, nicht als Politiker, sondern als Kultur-Revolutionäre. In Deutschland sind alle Parteien konservativ, die politischen Programme linker und rechter Flügel unterscheiden sich kaum noch. Wir leben in einer Oligarchie von Wirtschaftkonzernen.
Was den Süden angeht: ich glaube, die von Dir genannten Bands sind auch nicht wirklich politisch. Genocide Organ etc. stehen zwar mehr in der - oft auch noch falsch verstandenen - Tradition von Bands wie Whitehouse oder Boyd Rice. Da geht es um Geschrei, Gewimmer und Pathos. Das Nazigetue ist aber eher Fetischismus als politische Äußerung. Mich schockiert das nicht, dafür ist es zu dumm. Diese Gruppen haben wenig Ahnung von Musik und sinnlicher Wahrnehmung. Der Name Klangkrieg klingt zwar brutal, hat aber mit plumpem Krach oder albernem Pathos nichts zu tun. In Hamburg pflegten wir schon immer eine Tradition der Verwirrung und des subtilen Humors. Die Musik, die hier entsteht, zeugt von feinnerviger Wahrnehmung. Krach ist nicht gleich Krach. In dieser Tradition sehen wir uns. Uns geht es um das Poetische im Lärm. Wenn ich guten Krach hören will, leg ich was aus Japan auf.
Seit Laibach wurde mit den Symbolen der Ideologieen ein Verwirrspiel getrieben. Letztendlich haben diese Symbole kaum noch eine Bedeutung.
Pathos oder Nicht-Pathos, DAS ist hier die Frage.
7. Was denkst Du an den Erfolg von deutsche Power Electronics und Labels wie Tesco, State Art und L.O.K.I.? Es scheint mir, daß diese Popularität dasselbe Wurzeln wie amerikanische Aktion-Filme hat - Blut, Brutalität, Angst... Kann das zur Pop-Musik des 21. Jahrhunderts werden?
Der Süden ist einfach katholischer, die wollen mehr ACTION und trinken das Blut Christi. Rouge, rouge, rouge! Ich brauche keinen Exorzismus, weil ich selbst der Teufel bin. - Blut und Brutalität sind Hauptbestandteile reaktionären amerikanischen Kommerzkinos. Ich hasse Hollywood. Aggression muß immer einen Grund haben, sie muß sich, so wie Gewalt, aus den Zusammenhängen heraus entwickeln. Der inflationäre Umgang mit starken visuellen Effekten führt zu nichts. Das ist so wie jeden Morgen rohes Hack fressen.
Aber weder bei den Jungs von Tesco noch bei amerikanischen Actionfilmen geht es um eine wirkliche Auseinandersetzung mit Ängsten und Gewalt. Das Ganze kommt mir mehr vor wie ein Comic-Strip.
Dazu kann ich was Lustiges erzählen. Als Tim und ich unsere Installation „38 cbm“ in Karlsruhe 1993 vorführten, mußten die Zuhörer 20 Minuten lang in einem verschlossenen, vollkommen dunklen Frachtcontainer bleiben. In der gesamten Ausstellungszeit gab es nur einen einzigen Besucher, der schon nach einer Minute wieder aus dem Container herausgelassen werden wollte: ein Mitglied von Tesco...
8. Klangkrieg, Odradek, Radio Gagarin, Wachsender Prozess... Woher nimmst Du die Kraft und den Willen, mit alles sich zu beschäftigen? Ist das genug, um ein bischen Geld für das Leben zu verdienen? Wer ist Du beruflich?
Meine Kraft entnehme ich meiner Hyperaktivität. Ich bin immer nervös und abenteuerlustig. Dieses Interview schreibe ich zum Beispiel um 6 Uhr in der Frühe. Meinen starken Willen habe ich von meiner Mutter, die war ein richtiger Haus-Terrorist. Aber ich bin ganz umgänglich. Außerdem haben mich negative Reaktionen des Publikums bei Auftritten in meiner Jugendzeit abgehärtet. Da bekommt man einen starken Willen, oder man läßt es ganz bleiben. ich mußte mich auch in Hamburg mit meiner Vision von Musik gegen viele Widerstände und viel Mißgunst durchsetzen. Anfangs wurden wir jahrelang von der Presse ignoriert. Nur durch unbeirrtes Weitermachen haben wir die Aufmerksamkeit der Medien auf uns gezogen.
Von der Musik allein könnte ich nicht leben. Ich versuche es daher dieses Jahr auch mit Hörspiel und Film, vielleicht auch einem längeren Radiobericht über Noise Culture. Ich werde viel auf Tournee gehen. Im Herbst arbeite ich dann an als Animationszeichner und Dramaturg an einer Episode von Mariola Brillowskas neuem Film „Des Teufels Kinder“. Es ist schwierig, hier von freier Kunst zu leben.
(Übrigens: Wachsender Prozess ist nicht MEIN Label, sondern das von Thomas Beck alias TBC. Mein Label heißt Gagarin Records, in Anlehnung an unsere Radiosendung.)
9. Wie sind eure Beziehungen mit Auditorium? Ist es interessant für Dich, Kontakt mit Zuhörer zu schaffen, or machst Du deine Musik nur für Selbstvergnügen?
Der Kontakt zum Publikum ist mir wichtig, mich interessiert auch die Meinung der Leute. Das hat aber keinen Einfluß auf meine Musik. Ich verlange von den Zuschauern, daß sie sich auf meine Vision einlassen, egal wie sperrig oder schwierig sie ist. Dabei setzte ich alles daran, durch meine Person auf der Bühne einen Zugang zu schaffen. Das gleiche Konzept besteht auch für Radio Gagarin: radikale Musik durch gute Moderation und Information zugänglich zu machen, dabei aber keine Rücksicht auf den Geschmack der Allgemeinheit zu nehmen.
Bei Geräuschmusik ist es besonders schwer, die Vorgänge auf der Bühne für die Zuschauer nachvollziehbar zu machen. Die Protagonisten stehen wie angewurzelt vor ihren Geräten und starren auf Knöpfe oder Laptop-Bildschirme. Das hat etwas Lächerliches. Ich habe allerdings schon Konzerte erlebt, bei denen unsere eigene Konzentration und Anspannung total auf die Zuschauer übertragen wurde. Wir spürten förmlich, wie die Luft sich zusammenzog. Das waren dann großartige Momente, sehr hypnotisch. So etwas passiert leider nicht so oft.
Ich glaube, daß vieles in der Kunst und in der Musik über Persönlichkeit funktioniert. Siehe Stockhausen: ein Spinner, aber von Format.
10.Bitte erzähle über dein persönliches Leben: Hobbies, Lieblingsmusik, Jobs etc.
Hobby: Ich schneide gern jungen Bankangestellten den Schlips ab.
Musik: Im Moment höre ich viel moderne ungarische Klassik.
Jobs: Hast Du einen für mich?
11.Bitte beschreibe Deine Kompositiontechnik. Was für Instrumente verwendest Du? Ist Deine Musik von der Technologie-Niveau abhängig?
Ich arbeite sehr gerne mit Sampling, Wir haben einen hochkarätigen Emulator-Sampler, der auch bei extremer Transposition der Noten noch gut klingt. Dadurch können wir aufgezeichnete Klänge stark verlangsamen und beschleunigen. Ein Stück unserer kommenden CD „Radionik“ besteht aus sirenenartigen Gesängen quietschender Bremsen, die wir von ursprünglich 3 Sekunden Spielzeit auf 25 Sekunden verlangsamt haben. Da kommen plötzlich Frequenzen zum Vorschein, die vorher überhaupt nicht wahrzunehmen waren, weil sie oberhalb der Hörgrenze (ca. 18000 Hertz) lagen. Für solche Fälle ist gute Technologie von Nutzen. Ansonsten arbeite ich sehr gerne mit den alten KORG MS 20 Synthesizern, weil sie aus modularen Steckfeldern bestehen, mit denen man unheimlich fragile und lebendige Klänge erzeugen kann. Wir samplen auch gerne den KORG, um ihn mehrstimmig bearbeiten zu können. Das dritte Hauptwerkzeug ist der Computer. Dort arbeite ich mit einem Harddisk Recording System, bei dem man digitale Mehrspuraufnahmen beliebig editieren kann, d.h. alle Spuren können kopiert, verschoben und geschnitten werden. Was Stockhausen mit dem berühmten „Gesang der Jünglinge“ in eineinhalb Jahren fertigbrachte, würde man an so einem Gerät in einem Monat schaffen. Technologie ist also auch ein Faktor zur Zeitersparnis.
Ich arbeite gerne mit wenigen, dafür aber hochwertigen Geräten. Letztendlich könnte ich meine Musik auch mit einfacheren Mitteln herstellen, das würde mich aber mehr Zeit kosten und die Qualität vermindern.
Was ich nicht begreife, sind Studiotüftler, die jede Woche ein neues Gerät kaufen. Das ist völliger Unsinn und hat nichts mit Qualität zu tun. Die Methoden, mit denen man in der Softwarebranche zur Anschaffung immer neuer Updates und Programme genötigt wird, sind verbrecherisch.
12.Ich meine, das Deutschland den ersten Platz für Untergrund/Progressive Musik hielt. Ist das richtig? Gibt es irgendwelche Erklärungen, zB ökonomische Entwicklung, gesellschaftliche Zustand oder andere?
Es stimmt tatsächlich, daß in Deutschland zur Zeit viel passiert, vor allem im elektronischen und experimentellen Bereich. Was dagegen kommerziellen Gitarrenpop angeht, rangieren wir ziemlich weit hinter England und Amerika. Der ökonomische Status spielt auf jeden Fall eine Rolle. Hier sind die Leute finanziell gut abgesichert, fast jeder kann sich ein kleines Homerecordingstudio leisten. Da in der kommerziellen Musik nur Schrott passiert, gibt es einen lebendigen Untergrund. In England sind die Grenzen fließender, da wird nicht so sehr unterschieden zwischen Kommerz und Underground, Hauptsache die Musik ist gut. Und die Engländer haben viel bessere kommerzielle Musik als die Deutschen. Hier gilt man schon fast als Verräter, wenn man einen Vertrag bei der Industrie unterschreibt.
Ein anderer Grund für die Lebendigkeit der Untergrundszene ist eine Vielzahl guter Clubs in Hamburg, Köln und Berlin. Dort können Gruppen jederzeit auftreten, es wird auch viel Experimentelles geboten und man bekommt im Gegensatz zu anderen Ländern auch Geld für seine Auftritte. In Hamburg fallen mir spontan 3 Clubs ein, wo regelmäßig ungewöhnliche Musik gespielt wird. Das war nicht immer so.... unter anderem haben hier Leute wie ich jahrelang dafür gekämpft. Dieses Kampfbewußtsein ist auch eine Eigenschaft der Deutschen. Menschen definieren sich hier über Leistung. Die zweite Frage nach „Wie heißt Du?“ lautet „...und was machst Du?“. Selbst im Untergrund mühen sich Leute ab, etwas auf die Beine zu stellen, sehr hartnäckig und notfalls über lange Zeit. Als ich ein Jahr in Holland war, fiel mir auf, daß die Holländer viel lethargischer und entspannter sind als die Deutschen. Hier sind alle neurotisch. Das nervt zwar oft, hat aber den Vorteil, daß vieles entsteht und keine Langeweile aufkommt. Warum Deutschland eine Hochburg progressiver Musik ist, kann ich nicht sagen, vermutlich besteht dafür eine Tradition. Das können wir am besten. Im Untergrund findet man auch den Humor, der an der Oberfläche oft so vermißt wird. Der Untergrund ist die zweite Gesellschaft.
13. Hast Du etwas über russische Untergrund-Kultur oder Musik gehören? Hast du mit russischen Leuten kontaktiert? Was denkst Du über Rußland, in politischen und kulturellen Aspekten?
Ich bin mit ein paar emigrierten Russen befreundet. Einer von ihnen, Oleg Tarassov, kennt die St. Petersburger Szene recht gut und pendelt oft zwischen Rußland und Hamburg hin und her. Über ihn habe ich einige russische Musik kennengelernt: Janka, Messer für Frau Müller, Kommunism, Fathers of Hydrogen und Gruppen aus der Punkszene. Ich stehe auch in Kontakt mit Artemiy Artemiev, dem Sohn von Edward Artemiev, der mich über die neuesten Veröffentlichungen seines Labels Elektroshock immer auf dem laufenden hält. Ich liebe russische Literatur und klassische Musik des 20. Jahrhunderts wie Schnittke, Shostakovich, Gubaidulina, Denisov. Meine ganze Seele ist sehr osteuropäisch orientiert. Meine Geliebte ist eine Polin.
Insgesamt habe ich den Eindruck, daß es bei Eurer Kultur viel mehr um essentielle Dinge geht. Aus der Pop-Musik sind starke volksmusikalische Einflüsse herauszuhören. Das gefällt mir sehr gut. Ansonsten kommt mir die Kultur, vor allem die Musik, etwas verstaubt vor. Bei Euch werden zum Teil Dinge gemacht, die hier vor 10 Jahren angesagt waren. Ich stelle dabei eine merkwürdige Mischung aus Kitsch und Direktheit, ja beinahe Brutalität fest, vor allem in den Texten. Als wir mit Klangkrieg in Brüssel gespielt haben, gab es einen russischen Film zu sehen, der übersetzt „About freaks and men“ hieß. Ein unglaublicher Film! Teuer produziert und vollkommen eigenwillig, poetisch, surreal und intensiv! Ich versuche seit geraumer Zeit, diesen Film nach Hamburg zu holen. Das wäre eine gute Kur gegen den täglichen Hollywood-Dreck, der über unsere Leinwände flimmert.
Auf einer Begleit-CD eines japanischen Noise Magazins namens „Denshizatsuon Zine“, auf der wir auch mit einem Klangkrieg-Stück vertreten sind, habe ich ein fantastisches Stück der russischen Gruppe Veprisuicida gefunden. Darüber würde ich gerne mehr erfahren, aber der Informationsfluß von Ost nach West ist allgemein noch schlecht. Dank Email wird sich das langsam verändern.